Eine Briefbombe von der Musikindustrie

1. Februar 2010

Ich gebe zu, der Titel mag ein wenig überzogen klingen, gibt aber ganz gut mein persönliches Gefühl wieder, dass sich inzwischen, nachdem ich den relativen Schock nach dem Öffnen des Briefumschlags der Abmahnanwaltskanzlei Sowieso überwunden habe, eingestellt hat. Überzogen deshalb, weil es hier „ja nur“ um Geld geht. Niemand will mir an den Kragen, Leib und Leben bleiben erst einmal unversehrt, aber doch bitte schön nicht der Geldbeutel. Diesen nämlich soll ich großzügig öffnen und für meine angeblichen Sünden bezahlen, die mir im Schreiben der Abmahnanwaltskanzlei Sowieso vorgeworfen werden.

Aber von Anfang an: Nichtsahnend also öffne ich den Briefkasten, in dem ein großer Umschlag seiner Mitnahme harrt, darauf das Logo einer Rechtsanwaltskanzlei, mir bis dahin unbekannte Namen, man kann ja nicht alles auf dem Schirm haben. Hoppla, denke ich, liege ich in Rechtsstreit mit irgendjemanden, dass mir solche Post in den Briefkasten gelegt wird? Mir schwahnt nichts Gutes. Das Ding wird also aufgerissen, ein mehrseitiger Schriftsatz zu Tage gefördert und siehe da: Es trifft einen der Schlag und man greift unwillkürlich zur rettenden Zigarette.

Schon unter dem Briefkopf werden einem fett gedruckt Rechtsbegriffe um die Ohren gehauen, die man irgendwo schon mal gehört, sich aber eher gar nicht davon betroffen gefühlt hatte: Abmahnung, Urheberrechtsverletzung, strafbewehrte Unterlassungserklärung, Schadensersatz. Oh weh, denkt der normale Normalbürger, der von sich selbst bisher annahm, als unbescholten zu gelten, was soll ich – also gerade ich, warum ich? – getan haben?

Und es geht noch weiter. Weitere gefährlich klingende Stichworte prügeln auf einen ein, man stelle sich dabei die mahnenende Worte eines gestandenen Mitglieds der deutschen Rechtspflege vor: Massenhafte Rechtsverletzungen, Internet-Kriminalität, gerichtliches Anordnungsverfahren. Und so weiter. Man habe recherchiert und beweissicher festgestellt, man habe einen sozusagen vor dem Rechner sitzen sehen, eine illegale Tauschbörse bedienend, tausende virtuelle Kunden standen in langen Schlangen an, um das einzigartige Superwerk des genannten Superstars höchst kriminell und verbrecherisch im Internet zu verteilen. Für lau, für umme, für umsonst. Ohne zu fragen, ohne zu zahlen. Und der Künstler darbt und verhungert dabei: So nicht!

Und alles unanfechtbar, unwiderlegbar, vor keinem Gericht der Welt als Humbug enttarnbar, so sicher wie das Amen in der Kirche, mit völligem Ausschluss jedweden Irrtums oder Fehlers: Entweder du zahlst oder wir machen dich fertig!

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4 Antworten to “Eine Briefbombe von der Musikindustrie”

  1. Panik Says:

    Super geschrieben!! Mit dem nötigen Sarkasmus und doch so treffsicher die Gefühle beschrieben die einen überfluten sobald man in diese „Maschenerie“ gerät.
    Kompliment und weiter so!
    Gruß Panik

  2. Tim Says:

    Selbst schuld. Hätteste halt nicht runtergeladen 😉


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